Florian Zettel über die Spiegel-Krise | | von Florian Zettel

Kommentar: Das erbärmliche Schauspiel der Büchner-Jäger

Die aktuellen Vorgänge beim "Spiegel" sind unfassbar und unwürdig. Und obwohl in den vergangenen Tagen fast alles dazu gesagt worden ist – eines kam zu kurz: Der Umgang mit Wolfgang Büchner, der vielleicht sinnbildlich für den aktuellen Medienbetrieb und seine Dynamiken steht.

Der "Spiegel" hat die vergangenen Jahrzehnte über die Kunst der Intrigenspinnerei perfektioniert und davon im großen Stil profitiert. Ob Politiker, Show- oder Wirtschaftsgrößen – die Exekution der Mächtigen gehörte stets zum "Spiegel", trug zum Ruf des Nachrichtenmagazins bei. Auch intern wurden immer wieder Machtkämpfe ausgefochten. Trotzdem hat die Causa Büchner eine neue Qualität. Die Angriffe, denen Wolfgang Büchner mittlerweile seit Monaten ausgesetzt ist, gleichen teilweise Rufmord, gehen ins Persönliche und sagen dabei doch mehr über seine Kritiker aus, als über den Chefredakteur selbst.

Mittlerweile, könnte man meinen, ist Wolfgang Büchner zum Christian Wulff der Medienbranche avanciert. Einen der vielen Tiefschläge lieferte der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje vor einigen Wochen. Im Interview mit den Kollegen von "Meedia" beleidigte Tiedje Büchner derart maßlos, dass man als Leser fassungslos zurückblieb. Vor allem aber auch fassungslos darüber, dass der Interviewer die Schmähungen unkommentiert stehen ließ. Das herablassende Urteil des ehemaligen "Bild"-Chefs:

"Ich bin ihm (Büchner) einmal begegnet und habe so meine Zweifel, ob er imstande ist, einen großen Gedanken zu formulieren."

Er, Tiedje, kenne nur "Spiegel"-Redakteure, die die „Schnauze voll" von Büchner hätten, in ihm einen "Loser" sähen. Herablassende Worte von Tiedje. Übrigens genau der Tiedje, der gegen "Stern"-Journalist Hans-Martin Tillack erst im Oktober wegen "übler Nachrede" Strafanzeige erstattet hatte, weil der ihn des Lobbyismus bezichtigt hatte.

Grundsätzlich schien es in letzter Zeit, als sei Meedia zum Sprachrohr der Büchner-Kritiker geworden.

Dabei geht es nicht darum, dass der Branchendienst Büchner direkt angreift, sondern vielmehr darum, in welchem Takt seine Kritiker ihr Gewäsch über ihn loswerden können. Gutes Beispiel ist die Meldung zur Feier von "20 Jahre Spiegel Online": Angeblich sollte Büchners Rede dort mit einem Pfeifkonzert und Buhrufen quittiert werden. Natürlich kam es nicht so - trotzdem haben die rebellierenden Print-Ressortleiter damit ihr Ziel erreicht, Büchner weiter unter Druck zu setzen. Ein erbärmliches Schauspiel, das zeigt, auf welchem Niveau sich die journalistische Elite bewegt.

Keine Frage: Der Chef des größten Nachrichtenmagazins kann und muss ebenso wie alle anderen Akteure der Medienbranche kritisch bewertet werden. Wenn man sich manchen Mediendienst so anschaut, könnte es hin und wieder auch gerne etwas kritischer zugehen – an Schulterklopfern mangelt es den Medienmachern sicher nicht. Trotzdem sollten wir Medienjournalisten dabei das Maß nicht verlieren, denn ist es nicht genau das, was wir an den Medien in Fällen wie dem von Wulff immer kritisieren?

Egal welche Fehler Wolfgang Büchner auch begangen haben mag – nichts rechtfertigt einen solchen Umgang mit ihm. Journalisten laufen immer Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen. Im Fall Büchner ist aus dem Konjunktiv ein Indikativ geworden. Menschlichkeit ist ein großes Wort und vielleicht passt es hier auch nur bedingt. Trotzdem sollte man eben jene im Hinterkopf behalten, wenn die Versuchung da ist, den nächsten publizistischen Jauchekübel über Wolfgang Büchner zu leeren - würde er auch noch so viele Klicks oder Leser bringen.

Klaus Ebert, ehemaliger Chef von RTL Nord, hat es am Abend der SPON20-Feier in einem Tweet ganz gut auf den Punkt gebracht.

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