Zukunft der Arbeit | | von Ralph-Bernhard Pfister

Schöne neue Arbeitswelt?

"Vielen Dank für das Gespräch, ich melde mich bei Ihnen." Inzwischen passiert es Personalern, dass sie diesen Satz nicht selbst sagen – sondern sich von Kandidaten anhören dürfen. Der Rollentausch ist die Folge einer veränderten Situation im Arbeitsmarkt. Fachkräftemangel, demografischer Wandel & Co. lassen grüßen.

Nun sollte man bei diesen Schlagworten aufpassen und sie auch kritisch prüfen. Denn einiges wird hier hochgekocht, und einiges haben sich die Unternehmen selbst eingebrockt. (Nein, damit meine ich nicht den demografischen Wandel.)

Das Thema Fachkräftemangel beispielsweise hat auch mit überzogenen Anforderungen von Firmen zu tun, die den 120-prozentigen Fit ihres Wunschprofils suchen, anstatt Personal zu entwickeln. Trotzdem sind einige Makrotrends Fakt: Die Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur etwa, die nach Prognosen der Robert-Bosch-Stiftung die Zahl der deutschen Bevölkerung im Kernerwerbsalter (20 bis 65) bis 2030 um 12 Prozent zurückgehen lässt.

Das verstärkt den Werte- und Einstellungswandel, mit dem es Personaler zu tun haben: Bewerber haben nicht nur aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen eine andere Erwartungshaltung an ihren Job - sie wissen auch, dass sich ihre Verhandlungsposition verbessert. Gerade für Topmarken und Großkonzerne bringt das Umstellungen mit sich: Das pure Argument "Marktführer" oder "Top-Bewertung im Arbeitgeber-Ranking" alleine reicht nicht mehr. Vermeintlich "weiche" Faktoren werden wichtiger. Und das gilt nicht nur für junge, nachrückende Mitarbeiter, zeigt sich in der Tendenz bei Generation Y und Konsorten aber stärker.

 

Die Digitalisierung hat diesen Wandel mit angefeuert, kann aber auch helfen, ihn zu meistern. Die meisten in Schreibtischjobs haben nun zwar nicht wirklich den Eindruck, dass es durch die Technik weniger zu tun gäbe. Aber die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten, die gewünschte und geforderte Flexibilität der Arbeitsformen zu schaffen. Home Office, Projektzusammenarbeit bei rund um den Globus verteilten Teams oder auch das Café um die Ecke als Arbeitsplatz werden so viel einfacher.

Flexibilisierung und ihre Grenzen

Technik allein reicht zur Flexibilisierung natürlich nicht. Auch Unternehmensstrukturen müssen flexibler werden. Was Arbeitsformen, Hierarchien, Employer Branding und auch Karrierestrukturen angeht. „Sie müssen weg von dem Gedanken, dass jemand Ende 20 kein Team führen könnte“, nennt Personalberater Harald Fortmann im Interview etwa als Beispiel. Das gilt im Übrigen genauso für den Gedanken, dass jemand jenseits der 50 sich nicht mehr für eine Einstellung eignen würde.

Die Mitarbeiter selbst könnten aber auch flexibler werden: Was das Thema Umzugsbereitschaft jenseits von 200 km Entfernung angeht, zeigen Forsa-Zahlen, dass die Generation Y kein Stück flexibler als der Rest der arbeitenden Bevölkerung ist. Ein paar andere Indikatoren zeigen ähnliches.

Verschwimmende und verschwindende Grenzen sind aber auch gefährlich: Natürlich ist es schön, auch von unterwegs Mails abrufen und Sachen abarbeiten zu können. Die Kehrseite besteht dann aber in der 24/7 Erreichbarkeit. Hier sind nicht nur Mitarbeiter selbst, sondern auch Unternehmen und Personalabteilungen gefordert: Es geht um Strukturen, die das Ausbrennen der Mitarbeiter verhindern. Räume schaffen. Das hat nicht nur etwas mit pfleglichem Umgang zu tun: Bei zu wenig Fachkräften erweisen sich Unternehmen selbst den größten Gefallen, wenn sie nachhaltige Strukturen schaffen, Mitarbeiter selbst ausbilden und dann auch dafür sorgen, dass diese nicht in fünf Jahren heruntergewirtschaftet sind.

In vielen Bereichen haben Unternehmen auch gar keine andere Wahl, als intern fortzubilden oder auf externe Kräfte jenseits der eigenen Organisation zu setzen. Sie finden sonst schlicht nicht die Mitarbeiter, die sie brauchen. Oder sie können sie sich nicht leisten. Denn neben dem Klischee der schlecht bezahlten digitalen Bohème, die in Berlin auf Aufträge wartend Kaffee mit Sojamilch schlürft, gibt es auch Digital Nomads, die gar nicht dran denken, sich fest anstellen zu lassen. Diese lassen sich nur – etwa über Freelancer-Plattformen – projektbezogen binden. Und es gibt inzwischen Berufsbilder, die so neu sind, dass Kandidaten mit zehn Jahren Berufserfahrung nicht zu finden sind – weil das Feld erst seit sechs existiert. Diesen Themen widmen wir uns in der Printausgabe des Kontakter in einer sechsteiligen Serie. Wir nennen es "Zukunft der Arbeit".

Ein Überblick:

 

1.      Die Veränderungen im Arbeitsmarkt

2.      Digitalisierung der Arbeitsabläufe

3.      Flexibilisierung der Arbeitswelt

4.      Ein Unternehmen, X Länder

5.      Die Mitarbeiter von Morgen

6.      Neue Berufe

Schöne neue Arbeitswelt?

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