Magazinkritik | | von Ralph-Bernhard Pfister

Wired: Die Zukunft des "i"

Nach drei Jahren eher zögerlicher Tests hat sich Condé Nast ein Herz gefasst und eine deutsche "Wired" auf den Markt gebracht, die es ernst meint. Das neue Heft ist eben gerade nicht nur das, nicht nur ein Heft, sondern eine Marke, die Chefredakteur Nikolaus Röttger und sein Team von vornherein über verschiedene Plattformen denken und inszenieren. Online steht gleichberechtigt neben Print, Geschichten nehmen mal hier, mal dort ihren Anfang.

Ein Konzept, wie es zur Marke passt. Das ist die gute Nachricht. Der Plan hinter der Markenwelt klingt schlüssig. Er setzt nicht in dem Sinn neue Ideen um, aber das, was sonst meist nur diskutiert wird, ist hier für die Praxis zumindest geplant. (Mit Leben gefüllt werden muss es natürlich noch im Laufe der Zeit.)

Schwerer zu beantworten ist die Frage, ob die neue "Wired" als Medientitel funktionieren, ihre Leser finden wird. Das Problem besteht nicht nur darin, dass Condé Nasts Zögern dazu geführt hat, dass der größte Buzz zum Thema "Wired" in Deutschland bereits verfeuert ist. Es geht auch darum, wer die Leser sind - und ob die "Wired" sie überzeugt.

Die neue Magazinfassung will keine Geek-Postille sein, sondern ein General-Interest-Titel. Sie geht ihre Themen - Digitalisierung, Technologie, neue Ideen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft - deutsch an. Ohne "German Angst", aber mit einer gewissen Nachdenklichkeit und auch Skepsis, wenn man ein paar der Texte der Launchausgabe betrachtet.

Das Problem dabei: 2014, wenn Netzkolumnen bei "Bild" und "Handelsblatt" erscheinen, wenn die "Süddeutsche" eine Seite Drei über Amazon verfasst, haben Digitalisierung und Technologie auch die Themenpläne der Mainstream-Medien durchdrungen. Vor drei Jahren hätte der Titel so eine Lücke gefüllt. Jetzt ist die Konkurrenz breiter. Erst recht, wenn man selbst eine breitere Zielgruppe ansprechen will. Für Röttger sind die Mitglieder Zielgruppe ('Generation Y Not') "zukunftshungrig, leben selbstverständlich digital, hinterfragen Etabliertes und wollen Dinge verstehen". Ihnen will die deutsche Wired Lesestoff bieten und einen "Kompass für die schnelldrehende Welt" darstellen. Nur: Entsprechende Orientierung wollen inzwischen auch andere bieten.

Manches könnte so auch in Spiegel, FAZ und SZ stehen - und das ist als Vorwurf gemeint

Ein kleines Detail mag den Mainstream-Gedanken verdeutlichen. Ein kleiner Buchstabe, der im Tech-Bereich aber immer wieder Gegenstand erhitzter Diskussionen ist.

Das kleine i.

i wie iPhone. Die deutsche Wired schreibt vom "Iphone". Was nach redaktionellen Schreibweisen korrekt ist, aber in einem Umfeld passiert, in dem fast jeder Medientitel vor Apples Durchdringung der Gesellschaft den Hut gezogen und die weiße Flagge gehisst hat. (Auch wir schreiben iPhone statt Iphone. Vielleicht gibt es ja ein Rechtschreibung Distortion Field als kleinen Bruder von Steve Jobs' früherem Reality Distortion Field.)

Den Mainstream-Gedanken verdeutlichen auch andere Texte der Start-Ausgabe: Das Interview mit Googles Eric Schmidt etwa könnte so - gut, vielleicht mit einem aggressiveren Grundton der Fragen - auch im Spiegel oder der FAZ stehen. Ich weiß, das ist ein etwas seltsamer Vorwurf. Es geht nicht um die Qualität des Textes, sondern eher darum, ob er eine eigenständige, weitere Note ins Medienkonzert bringt. Das tut er so eher nicht. Gleiches gilt für Hakan Tanriverdis kritische Kolumne über Sexismus und Rassismus im Netz. Die hätte er so auch für Süddeutsche.de schreiben können (wo er ebenfalls Autor ist.)

Dem gegenüber stehen Texte, in denen Lesern en passant mitgeteilt wird, dass im 3D-Körperscanner auch zwei Kinects und ein Arduino verbaut sind - mit der Erwartung, dass die Zielgruppe weiß, was das ist.

Ihren genauen Zuschnitt, ihre genaue Zielgruppe hat die Wired so noch nicht gefunden. Wenn sie sich von den Themen leiten lässt, über die sie schreibt, kann ihr das aber noch gelingen. Die Einstellung dazu haben Röttger und sein Team: "Wir werden ganz viel ausprobieren. Für uns ist der Werkstattgedanke zentral, wir sehen uns 'always in beta'", sagt der Chefredakteur. Ein flexibler Prozess, in dem aus der Resonanz, die ja auch digital zu den Heft-Texten erfolgen kann, in Iterationen der Zuschnitt, die Form entsteht, wäre schlüssig.

Das im Auge zu behalten, ist auch für andere Medienmacher spannend - selbst wenn die Generation Y Not sich nicht für die neue Wired erwärmen sollte. Was die Marke für ihren Erfolg jedenfalls brauchen dürfte, sind ein gutes Händchen beim genaueren Zuschnitt - und einige Geduld. Ein sinnvoller Ansatz könnte der weitere Ausbau Richtung Gesellschaftsthemen sein. In der großen Titelgeschichte zur Zukunft des #Ich jedenfalls wäre mehr vom Google-Philosophen Luciano Floridi schön gewesen - und irgendwie Wired-hafter als ein Eric-Schmidt-Interview.

Wired: Die Zukunft des "i"

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